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Judas Iskariot Der Verräter Der Andere Neben diesen unangenehmen Gefühlen gegenüber oder in Gestalt des Judas geht eine eigentümliche Faszination von ihm aus. Das Rätsel um den Grund seines Handelns, die Tragik seines Geschicks sichern ihm zumindest in unserer Zeit oft ein wohlwollendes Interesse in Theologie und Literatur. So begegnen Versuche, Judas zu verstehen, ihn wenn möglich zu rehabilitieren. Erst kürzlich wurde Judas in dem lesenswerten Buch "Das Testament des Pilatus" (Eric-Emmanuel Schmitt, 2005) zum 'Lieblingsjünger' des Johannesevangeliums. Nur durch sein Drängen begreift sich Jesus als Messias. Nur er versteht Jesu Botschaft. Nur er ist fähig, die Aufgabe der notwendigen Auslieferung Jesu zu übernehmen. Doch wer war dieser Judas Iskariot? Was können wir über ihn wissen? Die einzigen Quellen sind die Schriften des Neuen Testaments. Diese Texte verfolgen bei der Darstellung des Judas vor allem und oft ausschließlich ein theologisches Interesse. Die historischen Hintergründe dahinter sind kaum mehr sicher auszumachen. Die durch alle Evangelien bezeugte Zugehörigkeit eines 'Verräters' zum Zwölferkreis der hervorgehobenen Jüngergruppe um Jesus stand allerdings kaum in christlichem Interesse: Hier haben wir nicht nur eine historisch verwertbare Notiz, sondern ein gewichtiges Argument für die mitunter bestrittene geschichtliche Existenz des Judas Iskariot. Der Name 'Judas' verweist auf die Herkunft aus einer traditionell geprägten jüdischen Familie. Bereits Judas' Vater Simon (Joh 6,71) trägt einen traditionellen jüdischen Namen. Der Beiname Iskariot ist nicht sicher zu deuten. Entweder handelt es sich dabei um einen Hinweis auf die Zugehörigkeit zu den Sikariern (einer antirömischen terroristischen Widerstandsbewegung), um einen nachträglichen Hinweis auf seine Tat (sakar: aramäisch "ausliefern") bzw. seinen Charakter (schaqar: aramäisch "lügen") oder was am wahrscheinlichsten ist um die Herkunft dieses Mannes (Isch) aus dem judäischen Kerijot. Handelt es sich um einen eher konservativ geprägten Mann aus Judäa, könnten kulturelle und soziale Unterschiede zum Galiläer Jesus für das Verständnis seiner 'Tat' relevant sein. Über die 'Tat' des historischen Judas berichtet uns am ehesten Mk 14,43: Und alsbald, während er [Jesus] noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten. In dieser ausbaufähigen Notiz wird Judas als Mitglied des Zwölferkreises gegenüber 3,19; 14,10 erneut (d. h. aber überflüssigerweise) eingeführt. Die Beurteilung der Tat durch "verraten" oder "ausliefern" fehlt noch. Der Beiname Iskariot wird nicht zur Näherbestimmung benutzt. Deutlich ist nur: Ein bestimmtes Mitglied des Zwölferkreises, dessen Name bekannt ist, taucht bei der Verhaftung Jesu in den Reihen der Gegner auf und spielt eine unrühmliche Rolle. Die Evangelien deuten dieses Verhalten als "Auslieferung" Jesu durch Judas. Lukas (6,16) führt dann den Begriff des "Verräters" ein und prägt damit die Charakterisierung des Judas bis in unsere Tage. Bei der 'Tat' stellt sich die Frage des "Was?" und des "Warum?". Die Mithilfe des Judas bei der Verhaftung mag darin bestanden haben, dass er den Gegnern den geeigneten Zeitpunkt und den geeigneten Ort (beides bedingt einander) mitteilte. Der Grund dafür war zumindest eine innere Distanzierung von Jesus. Vielleicht war er enttäuscht, sah in Jesus inzwischen den 'Verführer' oder wollte Jesus zwingen, seine Messianität unter Beweis zu stellen. Trotz einer größeren Anzahl inzwischen vorgebrachter Möglichkeiten, ist nüchtern zu sagen, dass wir den Grund wohl nicht ermitteln können. Die älteste Judasdarstellung findet sich im Markusevangelium. Judas ist einer von den 'Zwölf', deren Aufgabe es ist, "bei Jesus zu sein" (3,14). Die Notiz, Judas gehe weg (14,10), zeigt somit sein Ausscheiden aus dem Zwölferkreis. Judas wechselt die Seite. Schauen wir weiter: Wiederholt berichtet Markus vom Todesbeschluss der 'Oberen'. Ihre Furcht vor dem Volk verhindert aber dessen Umsetzung. Diese erzählerische Spannung wird durch die Zusage des Judas, einen günstigen Zeitpunkt zu nennen, gelöst. Erst Judas ermöglicht so die Verhaftung Jesu. Die "Hohenpriester" versprechen darauf hin von sich aus (!), Judas Geld zu geben eine Notiz, welche darauf wartet, ausgebaut zu werden. Bereits das Matthäusevangelium ändert die markinische Vorgabe. Nun fragt Judas die "Hohenpriester" frei heraus, was sie ihm für die Auslieferung Jesu geben wollen (26,15). Die Karriere des Judas als Prototyp des habgierigen Verräters hat begonnen. Er erhält die sprichwörtlich gewordenen "30 Silberlinge", ein Betrag, der wohl aus Sach 11,12 bzw. Ex 21,32 stammt und symbolisch zu werten ist. Das Johannesevangelium wird ihn in anderem Zusammenhang gar als hinterlistigen Dieb charakterisieren (12,4-6). In den dunklen Kapiteln der abendländischen Geschichte wurde aus dem um das Leben Jesu feilschenden Judas nicht selten der 'habgierige Christusmörder' der Jude. Bei Matthäus begegnet nun auch die vielleicht durch Mk 14,21 ausgelöste Frage nach Judas' weiteren Schicksal (27,3ff): In Gewissheit des zu erwartenden Todesurteils bereut Judas seine Tat, bringt, um das Geschehene rückgängig zu machen, das Geld noch vor Jesu endgültiger Verurteilung zurück und erhängt sich eine bevorzugte alttestamentliche Todesart für Verräter (vgl. Dtn 21,22; 2Sam 17,23). Die "Hohenpriester" lassen sich von seiner Reue nicht erweichen, treiben die Verurteilung Jesu weiter voran und kaufen mit dem zurückerhaltenen Geld eine Parzelle namens "Blutacker". Von dem Kauf dieses Ackers (hier: durch Judas) berichtet auch Lukas in seiner Apostelgeschichte. Das Ende des Judas ist bei Lukas allerdings anderer Gestalt: Er stürzt, zerbricht in zwei Teile, die Eingeweide quellen hervor: Er stirbt den schmachvollen Tod eines Gottesfeindes (Apg 1,18; vgl. Weish 4,14). Dieser Charakterisierung entspricht auch schon die lukanische Einführung des Satans (von der auch Johannes zu berichten weis: 6,70; 13,2.27). Dieser nimmt von Judas Besitz was weniger auf Besessenheit oder Subjektübernahme als auf Judas' prinzipielle Offenheit für das Böse zu lesen sein wird (Lk 22,3). Aus dem sich verfehlenden Jünger ist nun ein gestrafter Gottesverächter geworden. Über das Ende des Judas lässt sich historisch gesichert nichts sagen. Vielleicht bestand ein Zusammenhang zwischen dem von zwei Überlieferungssträngen bezeugten Kauf des Blutackers und seinem schnellen Tod. Vielleicht hat er aber auch noch mehrere Jahre gelebt. Sicher ist nur: In der nachösterlichen Gemeinde hat Judas keinen Platz mehr. Für sie kann er durch seine Tat der radikalsten Variante der allgemeinen Abkehr der Jünger bei der Passion (vgl. Mk 14,50ff; 14,66ff) 'gestorben' bleiben. Torsten Reiprich Anregungen für die Gemeindearbeit Wie Judas mit Jesu Anspruch, der Messias zu sein, ringt, stellen Tim Rice (Text) und Andrew Lloyd Webber (Musik) in der Eröffnungsszene ihrer Rock Opera „Jesus Christ Superstar“ dar. Der Text von „Heaven on their minds“ versucht detailliert zu ergründen, was Judas zu seiner Tat bewegt haben könnte: Interlinearübersetzung (M.St.) Jetzt sehe ich klarer - zu guter letzt zu klar Hier wird Judas gezeigt als einer, der zwar Jesu Botschaft und Wirken schätzt, aber zu dem Kult um seine Person auf kritische Distanz geht. Das macht ihn zu einer Identifikationsfigur moderner Kirchenkritik, und in gewissem Sinne auch zum Sprecher derer, die zwar die karita-tive Tätigkeit der Kirche gutheißen, mit dem christlichen Gott aber nicht viel anfangen kön-nen. Auch wenn man nicht aus den Augen verlieren sollte, dass auf Kritik und Auslieferung Jesu bei Judas bittere, tödliche Reue gefolgt ist es könnte sich durchaus lohnen, den Motiva-tionen des Judas einmal „nach zu denken“. Vielleicht nimmt es (auf beiden Seiten!) einige Schwellen- und Berührungsängste, sich vor Augen zu führen, dass ein ähnlicher Standpunkt schon zu finden war, als von „Kirche“ überhaupt erst in Ansätzen die Rede war? Für den Konflikt zwischen den (eigentlich zusammengehörenden!) Größen Glaube und Ethik steht die Auseinandersetzung um das teure Salböl: Jesus die Ehre zu erweisen oder sich der Armen anzunehmen was ist wichtiger, was ist „christlicher“? Aus der Erzählung von Mt 26,6-13; Mk 16,3-9; Joh 12,1-8 lässt sich lernen, dass die Anwesenheit Jesu wichtiger sein kann als soziales Engagement. Der „Aufwand“, den Christen um ihren Gottesdienst treiben, der „Kult“ um Gott und seinen Sohn, die manchen als „antiquiert“ oder „sperrig“ erscheinen-den Inhalte unseres Glaubens, sie alle stehen keinesfalls in Konkurrenz zum gesellschaftli-chen Engagement der Kirche, sondern gehen diesem voraus als seine (geistlichen wie auch geschichtlichen!) Wurzeln. Wie können und wollen wir heute der Tatsache begegnen, dass sich „christliche Werte“ von ihrem Ursprung weg verselbständigen? Im Kirchenjahr hat die Person des Judas ihren Platz meist vor allem an Gründonnerstag und Karfreitag. Ein möglicherweise für Jugendliche und junge Erwachsene reizvolles Projekt könnte es sein, eine „Judaspassion“, d.h. die Passion Jesu aus der Sicht des Judas, als Anspiel zu inszenieren. Aber auch am Buß- und Bettag könnte Judas vorkommen: Als einer, der handelt, ohne die Folgen seines Tuns zu überschauen? Als einer, der bitterlich bereut? Als einer, der mit seiner Tat nicht mehr leben will, als einer, der seine Schuld für größer hält als Gottes Gnade und sich selbst darum aufgeben will? Hier sind verschiedene Zugänge möglich. Der offenen Frage, dass wir nicht wissen, ob Gott dem Judas verziehen hat (in früheren Jahr-hunderten hat man sich die Höllenstrafen des Judas oft mit besonderem Genuss ausgemalt), kann dabei durchaus Raum gegeben werden im Vertrauen darauf, dass Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1 Tim 2,4), und dass daher wohl auch der Jesus verlorengegangene „Sohn des Verderbens“ (Joh 17,12) als verlorener Sohn zum Vater heimkehren kann (vgl. Lk 15,24). Auch gemeindepädagogisch wird man sich der Figur des Judas auf unterschiedlichen Wegen nähern können. Für jüngere Kinder könnte seine Geschichte über das Thema „Freundschaft“ aufbereitet werden, eventuell auch Erfahrungen des Verratenseins thematisiert werden; für das Thema „Schuld“ gibt es wohl weniger komplexe und schwierige Einstiegsgeschichten. Nicht besonders aussichtsreich dürfte es sein, mit Kindern im „moralischen Alter“ (etwa zwischen 8 und 12 Jahren) über Judas zu sprechen. Die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Judasfigur könnte ihn jedoch für Jugend-liche, auch und besonders in der Zeit der Pubertät, interessant machen. Auch Judas ist einer, der sich mit Autorität auseinander setzt, sich an seinem Vorbild reibt, nicht weiß, welcher Seite er sich zugehörig fühlt. Er handelt und ist danach verzweifelt über das, was er getan hat. Er will Jesus seinen Feinden ausliefern und tut dies, indem er mit einem Kuss noch einmal seine Nähe zu ihm in Szene setzt. Hier ist es wichtig, nicht nur der Tiefe und Existentialität seiner Zweifel nachzuspüren, sondern auch Gottes Gnade anzusprechen: Gott hat auch der Zerrissenheit und Destruktivität des Judas einen Platz in seinem „großen Plan“ zugewiesen und hat daraus für die Menschen Rettung werden lassen. Auch das Thema „Eigenverantwortung“ bzw. „verantwortliches Handeln“ könnte über die Person des Judas angesprochen werden. Als Judas die Konsequenzen seines Handelns sieht, ist er verzweifelt. Konnte er die Folgen seines Handelns absehen? Judas hat Jesus an die Autoritäten der Juden verraten, die damals keine Kopfgerichtsbarkeit ausüben durften (vgl. Joh 18,31); wie wahrscheinlich war es denn, dass diese eine Allianz mit ihren heidnischen Besatzern eingehen würden, um sich des „Aufrührers“ zu entledigen? (Man sollte darauf gefasst sein, dass bei der Diskussion um die Verantwortung des Judas auch der Teufel eine Rolle spielen wird, der nach Lk 22,3; Joh 13,2.27 dem Judas den Verrat „ins Herz gegeben“ hat!) Man kann Judas vorwerfen, dass er überstürzt gehandelt hat ist er damit aber aus der Verantwortung entlassen? Wie weit muss ich denn die Folgen meines Handelns übersehen können, um als moralisches Subjekt handlungsfähig zu bleiben? Was bietet Orientierung? Für Erwachsene in den neuen Bundesländern ist mit dem Verrat des Judas unter Umständen ein lebensgeschichtlich brisantes Thema angesprochen: die eigenen Erfahrungen mit dem Überwachungsstaat DDR. Gerhard Schöne hat dazu ein berührendes Lied geschrieben: Setz´ Dich zu mir, Bruder Judas. Ein in der Frömmigkeitsgeschichte häufig mit Judas verknüpftes Thema ist auch die „Gefähr-dung der Glaubenden“: Als Jesus ankündigt, dass einer der Zwölf ihn verraten wird, fragen sich die Jünger beim Letzten Abendmahl, „Herr, bin ich´s?“. In seiner Matthäuspassion lässt J.S. Bach diese Frage von der (im Choral repräsentierten) Gemeinde beantworten: „Ich bin´s, ich sollte büßen...“. Der Fall des Judas zeigt nicht zuletzt: Jesus nachzufolgen, ist keine Garantie, nicht selbst zum Verräter zu werden und diese Gefahr besteht für jeden Jünger Jesu! Übrigens lässt die Matthäuspassion Judas auch in einer Bass-Arie (Nr. 42 bzw. 51) zu Wort kommen, deren Text Hoffnung für Judas erkennen lässt: |